Cloud spielt in der Versicherungswirtschaft weiterhin eine entscheidende Rolle mit Blick auf IT-Transformation und Business-Innovation. Viel wurde und wird zu Cloud-Themen geschrieben und geredet – wir möchten nachfolgend einmal zehn Anti-Thesen in die Diskussion einbringen, entlang derer sich unserer Erfahrung nach einige Kontroversen ergeben.

  1. Cloud ist ein reines IT-Thema –Kulturwandel und „Mindset-Change“ sind für eine erfolgreiche Adaption irrelevant

Der Einsatz von Cloud-Technologie (im Sinne von XaaS) ohne die Involvierung der eigenen IT resultiert typischerweise in einer Schatten-IT und den damit verbundenen Nachteilen. Eine reine Betrachtung des Themas aus der IT-Perspektive ist zu kurz gesprungen, denn ohne die Einbindung relevanter Geschäftsbereiche gestaltet sich die Realisierung neuartiger und innovativer Use Cases sowie eine häufig angestrebte Marktdifferenzierung eher schwierig. Darüber hinaus bieten Cloud-Initiativen das Potenzial, Silo-Strukturen und -Denken aufzubrechen sowie etablierte Prozesse zu überdenken. Mittelfristig resultiert dies wiederum in organisatorischen Veränderungen. Erfolgreiche Cloud-Transformationen zeichnen sich durch ein erfolgreiches Zusammenspiel von Business und IT aus, geleitet durch ein gemeinsames Verständnis sowie gemeinsame Prinzipien und Werte.

  1. Daten in der Cloud sind für unbefugte Dritte leicht zugreifbar und generell unsicher

Die führenden Cloud-Anbieter verfügen über ein sehr ausgefeiltes Sicherheitsmanagement und ein breites Spektrum an Zertifizierungen. Wie bereits in einem vorherigen Blogartikel diskutiert sind Sicherheitsvorfälle typischerweise auf Fehlkonfigurationen und Schwachstellen auf Applikationsebene zurückzuführen. Mit Blick auf Datenschutz und Regulatorik müssen die Vorteile, die sich durch Datenmanagement in der public Cloud ergeben, gegen die potenziell einfacheren Schutzmöglichkeiten einer privaten Cloud abgewogen werden. Fakt ist, dass nur die wenigsten Versicherungen z.B. fortschrittliche Analytik im eigenen Rechenzentrum etablieren und diese in der Geschwindigkeit der Hyperscaler weiterentwickeln werden.

  1. Cloud macht uns automatisch zu einem modernen Technologieunternehmen

Cloud als Basistechnologie fördert technologische Evolution und geschäftliche Revolution. Cloud-Transformation ermöglicht auch die sukzessive Reduktion von Altlasten und technischen Schulden. Ein Workshop hier und eine Diskussion mit Vertretern von Cloud-Providern führt jedoch nicht zwangsläufig zu einem „Garage-Mindset“ oder Agilität und „BusDevOps“ im eigenen Unternehmen. Versicherungen können sich zwar grundsätzlich auch ganz ohne Cloud als Technologieunternehmen bezeichnen, denn Kerngeschäftsprozesse und Produkte sind heutzutage im hohen Maße abhängig von funktionierender IT. Allerdings stellt Technologie keinen Selbstzweck dar: Auch Cloud-Services müssen sinn- und wertstiftend genutzt werden.

  1. Einmal implementiert ist die Cloud nur noch ein reines Administrations- und Konfigurationsthema

Cloud-Transformationen sind eine Reise, allerdings mit schwer vorhersehbarem Ziel – denn wenn man seine initiale Roadmap abgearbeitet hat, kann man bei der Geschwindigkeit des Fortschritts im Cloud-Markt quasi wieder von vorne anfangen. Versicherungen müssen lernen, diesen Wandel zu managen – und so für ihre Kunden mit Hilfe neuer und sich verändernder Cloud-Services echten Mehrwert zu generieren. Gleichzeitig ergibt sich eine Verschiebung in den Tätigkeiten der IT: Das klassische Betriebsmodell verändert sich nachhaltig – von der Kosten-/Leistungsverrechnung über SLA-/OLA-Compliance und Providersteuerung hin zu den Liefermodellen sowie den Architektur- und Technologiestandards. Demand and Supply müssen Hand in Hand gehen, dabei dürfen neue und veränderte Risiken nicht außen vor bleiben.

  1. Die Vorteile von Cloud wie geringere Betriebskosten und verbesserte Skalierbarkeit sind nur selten realisierbar

Cloud-Transformationen sind zunächst einmal mit Kosten und Aufwand verbunden. Mittelfristig sind mit der richtigen Governance aber deutliche Total Cost of Ownership (TCO) Kosteneinsparungen realisierbar. In der Tat geschieht dies jedoch nicht von allein, denn Autoscaling und Freiheitsgrade für Cloud-Teams bei der Dimensionierung haben an vielen Stellen die Run-Kosten aus dem Ruder laufen lassen. Das Betriebsmodell muss das Thema Kostenmanagement reflektieren, dies erfordert auch entsprechende Skills und Tools im Management. Der wesentliche Hebel ist und bleibt Automatisierung – und das nicht nur im Betrieb, sondern auch in der Entwicklung. Gleichzeitig darf ein Cloud Value Case nicht nur die heutigen Cloud-Preise berücksichtigen, denn im Gegensatz zu eigener Hardware, die im Laufe der Zeit abgeschrieben wird, bekommt man in der public Cloud stetig mehr Leistung für das gleiche Geld. Neben Effizienz und Produktivität sollten darüber hinaus eine verbesserte Time-to-Market, Innovation für das Kerngeschäft oder potenzielle neue Geschäftsmodelle und Revenue-Streams berücksichtigt werden – auch wenn derartiger Nutzen typischerweise schwer quantifizierbar sind.

  1. Die Kernplattformen können nicht in die Cloud – Legacy-IT verhindert eine vollständige Cloud-Transformation

Durch hybrides Multi-Cloud-Management können sämtliche Systeme und Anwendungen in ein Cloud-Betriebsmodell überführt werden. Es stellt sich an dieser Stelle eher die Frage, ob wirklich immer alles in ein Cloud-Betriebsmodell überführt werden muss. Nicht alles was technisch möglich ist, generiert auch gleichzeitig den hinreichenden Business Value. Die Teile, die aus Sicht der Geschäftsstrategie eine Marktdifferenzierung ermöglichen, sollten jedoch dringend auf den Prüfstand gestellt werden. Es existiert eine Vielzahl an Tools und Methoden, um Altsysteme oder relevante Komponenten fit für die Cloud zu machen. Gerade in der Versicherungswirtschaft werden wir uns allerdings noch lange mit Legacy-IT beschäftigen: Die Kunst besteht darin, „neue und alte Welt“ zu entkoppeln sowie Business-Value getrieben zu modernisieren. Entsprechende Architektur-Pattern (inkl. „Digital Decoupling“) haben sich über die letzten Jahre an vielen Stellen bewährt.

  1. Cloud-Projekte sind immer mit großen Transformationsprojekten verbunden

Die schrittweise Einführung von Cloud durch Quick Wins über kleine Projekte sowie das Experimentieren in Form von Proof of Concepts (PoCs) sind generell valide Ansätze. Um das vollständige Potenzial bestimmen und ausschöpfen zu können sind jedoch einige grundlegenden Konzepte notwendig, insbesondere mit Blick auf die historisch gewachsenen IT-Landschaften der Versicherer. Neben einer Vision und einem Wertversprechen, das typischerweise den gewünschten Nutzen entlang der Value Chain und in Bezug auf Kerngeschäftsprozesse beschreibt, sollten frühzeitig die wesentlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich des Betriebsmodells und der Applikationsstrategie (Greenfield vs. Brownfield) definiert sein. Einher geht dies mit entsprechenden Assessments und Konzepten. Große Transformationen ergeben sich dann daraus – oder eben auch nicht. Ohne solide Basis wird es jedoch schwierig, überhaupt Nutzen aus Cloud-Projekten zu generieren.

  1. Versicherungen sind zu starker Regulatorik unterworfen, um Cloud vorteilhaft einsetzen zu können

Versicherungen sind starker Regulatorik unterworfen, keine Frage – regulatorische Anforderungen müssen allerdings nicht immer in der maximalen Form ausgelegt werden. Regulatorik verbietet keine Cloud-Nutzung, sondern stellt gewisse Anforderungen und setzt verschiedene Rahmenbedingungen voraus. Fakt ist: Deutlich stärker regulierte Märkte haben Cloud-Technologie bereits erfolgreich im Einsatz und auch der deutsche Finanzdienstleistungssektor hat diverse Cloud-Services erfolgreich im Einsatz. Die jeweils relevante Regulatorik ist geeignet zu antizipieren – gemeinsam mit Risikomanagement und Compliance sind entsprechende Kontrollen zu definieren und zu überwachen – Erfahrungsaustausche innerhalb der eigenen Industrie haben sich oftmals als sehr nützlich in diesem Zusammenhang herausgestellt.

  1. Für unternehmensbezogene Daten sind Cloud-Lösungen unnötig

Daten sind in vielerlei Hinsicht prädestiniert für Cloud – im Rahmen einer Cloud-Transformation können nicht nur teure und alte Datenbanksysteme abgelöst, sondern mit Hilfe der neuartigen Cloud-Services rund um Datenmanagement und (fortschrittliche) Analytics innovative Konzepte und Use Cases realisiert werden. Echte 360°-Kundensichten, nutzenbasierte Tarifierungen oder innovative Sales- und Service-Konzepte basieren alle darauf, bestehende Datenschätze zu harmonisieren und mit zusätzlichen Daten im Sinne eines Ökosystems anzureichern. Von der Elastizität und Innovationskraft der Cloud profitieren sämtliche Ressorts und Bereiche, mit Blick auf den Kunden ebenso wie in Bezug auf neue Geschäftsmodelle und die interne Prozessexzellenz.

  1. Innovative Lösungen sind in einer Private Cloud genauso gut wie in einer Public Cloud abbildbar

Viele Aspekte der public Cloud lassen sich in der Tat auch in einer private Cloud realisieren – seien es Big Data oder DevOps Plattformen. Elastizität, Geschwindigkeit und innovative Cloud-native Services – bis hin zu AI oder Quantum Computing, die typischerweise Anforderungen an die technische Infrastruktur stellen, die im eigenen Data Center nicht kosteneffizient etablierbar sind – erfordern jedoch eine Öffnung in Richtung public Cloud. Die Antwort ist die hybride Multi-Cloud. Dogmatisch nur das eine oder nur das andere zu propagieren ist eine Sackgasse – wichtig ist jedoch, dass hybride Multi-Cloud Betriebsmodelle hohe Anforderungen an das Management der Plattform stellen und der Nutzen sich nur dann einstellt, wenn Business und IT sauber abgestimmt, relevante Stakeholder hinreichend befähigt sowie Applikations- und Datenstrategie klar definiert sind.

Jede Anti-These für sich erfordert im Grunde genommen einen eigenen Artikel, um sie hinreichend zu würdigen. Lassen Sie uns gerne dazu diskutieren – denn jede Anti-These hat Pro und Contra bzw. starke Argumente auf beiden Seiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Sebastian Schröder

Senior Manager, FS Technology Strategy Deutschland

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Florian Keibel

Accenture Technology Strategy & Advisory Analyst

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