Der Mensch steht Veränderungen und Neuerungen tendenziell skeptisch gegenüber, insbesondere wenn der Wandel schnell, disruptiv und für ihn schwer nachvollziehbar kommt. Waren es einst Eisenbahn oder Auto, so sind es jüngst Onlineshops und digitale Bezahlsysteme, die unter anfänglich großer Skepsis letztlich zu weitreichenden Veränderungen im Verbraucherverhalten führten. Der Druck hin zu schnellerem Wandel wird immer stärker, getrieben von neuen technologischen Möglichkeiten und dem unerbittlichen Drang der Verbraucher nach Convenience und personalisierten Angeboten. Gewinner dieser Entwicklung sind die Kunden. Die Angebote orientieren sich stärker am echten Bedarf und werden passgenau auf die Lebenswelten zugeschnitten. Kunden bekommen alles aus einer Hand – einschließlich der Versicherungsleistung, die damit Teil dieser interagierenden und kooperierenden Ökosysteme werden.

Versicherer müssen ihr Spielfeld neu abstecken

Mit dieser Entwicklung entstehen neue Wachstumspotenziale – auch für Versicherer. Sie können sich als Risikopartner innerhalb dieser Lebenswelten positionieren, indem sie Produkte, Dienstleistungen, Lieferungen oder Garantien absichern. In Teilen werden diese Leistungen – tief integriert in Ökosysteme und Angebotswelten – dabei vollständig hinter der Sichtlinie des Kunden verschwinden. So sind bei Airbnb gleich beide Parteien – Gastgeber und Gast – bei An- und Vermietung automatisch mitversichert.

Doch auch über die traditionelle Risikoabdeckung hinaus entstehen Wachstumschancen. Insbesondere innerhalb von daten- und technologiegeprägten Lebenswelten werden digitale Angebote zukünftig wesentlich zum Umsatzwachstum beitragen. So zeigt beispielsweise die Lebenswelt ‚Gesundheit und Fitness‘ im deutschen Markt, dass die größten Potenziale in digitalen oder digital unterstützten Services liegen. Accenture Studien des DACH-Marktes gehen für die gesamte Lebenswelt bis 2027 von einem kumulierten Umsatzwachstum in Höhe von 23 Milliarden Euro allein in Deutschland aus. Die Angebote rund um Ernährung, Telemedizin und Fitness-Tracking sind dabei mit einem prognostizierten Wachstum in Höhe von 8,5 Milliarden Euro und einer jährlichen Wachstumsrate von fast 8% stärkster Treiber. Klassische Krankenversicherungen – auch Teil dieser Lebenswelt –  wachsen im gleichen Zeitraum lediglich um 1,7% pro Jahr. Der Effekt von COVID-19 wird das Wachstum dieser Lebenswelt zwar insgesamt verzögern, ab 2022 sind jedoch wieder ähnliche oder sogar größere Dynamiken zu erwarten (aktuelle Post-Covid-Prognose für Deutschland: 3,4% jährliches Wachstum zwischen 2022 und 2027. Quelle: Accenture Simulationsmodell Lebenswelten DACH).

Signifikantes Wachstumspotenzial liegt auch in den Lebenswelten rund um ‚Cyber Sicherheit‘ (B2B) und der ‚Absicherung des digitalen Lebens‘ (B2C). Für ‚Cyber Sicherheit‘ geht Accenture in Deutschland von einem Wachstum auf insgesamt 13 Milliarden Euro bis 2027 aus. Wesentlicher Treiber ist hier mit einer Wachstumsrate von über 7% pro Jahr und einem kumulierten Umsatzwachstum von ca. 2,7 Milliarden Euro das Cluster Security-as-a-Service. Für die Lebenswelt ‚Absicherung des digitalen Lebens‘ liegt die Prognose für das absolute Umsatzvolumen in 2027 bei über 11 Milliarden Euro. Treiber ist hier vor allem das Cluster Sichere Datenspeicherung mit Wachstumsraten von über 5% pro Jahr. COVID-19 bremst auch hier die Entwicklung, jedoch sind ab 2022 für beide Lebenswelten wieder Wachstumsraten zwischen 4% und 5% pro Jahr zu erwarten.

Schöne neue Servicewelten

Fokussieren sich die Versicherer in Zukunft also stärker auf die Betrachtung ganzer Lebenswelten anstatt auf das reine Versicherungsprodukt können sie vor allem von größeren Kundenzahlen und Interaktionsraten profitieren. Die Kontaktfrequenz steigt mit der Relevanz von Gesamtangebot und Services für die Endkunden. Um aus Versichererperspektive von dieser Entwicklung zu profitieren, ist ein stärkerer Fokus auf eben jene Services und Dienstleistungen notwendig. Dabei können Versicherer grundsätzlich zwischen zwei Arten unterscheiden: Den versicherungsnahen und den versicherungsfernen Services.

Zu den versicherungsnahen Services zählen zum einen Assistance-Dienstleistungen, wie Kfz- oder Wohungsschutzbriefe, Transport und Mobilitätsservices im Schadenfall, aber auch erste Smart-Home-Notfall-Servicepakete (z.B. Smart Home Angebot). Sie unterstützen Kunden im Schadenfall – unmittelbar und rund um die Uhr. Zu den versicherungsnahen Angeboten gehören darüber hinaus die Präventionsservices, bereits relativ verbreitet in den Lebenswelten ‚Leben & Wohnen‘ und ‚Cyber Sicherheit‘. Auch medizinische Vorsorgeservices oder die Belohnung eines gesunden Lebensstils (z.B. Generali Vitality) sind im weiteren Sinne den Präventionsservices zuzuordnen. Die dritte Kategorie sind Mitigations- oder Behebungsservices zur Eindämmung des Schadens. Etablierte Beispiele sind Cyber-Post-Breach-Netzwerke oder die Organisation von Ersatzlieferungen bei Transportausfällen. Insgesamt zeichnen sich versicherungsnahe Services und Dienstleistungen dadurch aus, dass sie tief im Geschäftsmodell der Versicherung verankert sind – sowohl rechtlich als auch finanziell. So tragen sie sowohl zu verbessertem Prämienwachstum als auch zu einer langfristigen Verbesserung des Schadenergebnisses bei.

Die versicherungsfernen Services hingegen haben keinen direkten oder indirekten Einfluss auf das versicherungstechnische Ergebnis selbst – sie erzeugen Umsatzströme über die Versicherungsbeiträge hinaus. Zu ihnen zählen beispielsweise Park- oder Tankservices (Mobilität), der Betrieb von Transaktionsplattformen etwa für Gebrauchtwagen oder Smart-Home-Geräte, und Convenience Services wie Reservierungen oder Einkaufsdienstleistungen. Eine ganz wesentliche Rolle kann auch die Monetarisierung bestehender Assets spielen. So bietet die Allianz mit Syncier eine Insurance Platform as a Service an und wird damit in diesem Kontext zu einem Technologieunternehmen. Ein weiteres Beispiel ist die Einbindung von Werbung und Affiliate Partnerschaften in bestehende Webseiten von Versicherungsunternehmen oder -vermittlern. Diese Art der Services passen häufig weder zu den regulatorischen Rahmenbedingungen noch zu den finanziellen Zielsetzungen eines klassischen Versicherungsunternehmens. Die enormen Wachstumspotenziale dieser versicherungsfernen Services lassen sich indikativ anhand der skizierten Marktentwicklung im Bereich ‚Gesundheit und Fitness‘ erkennen. Um ihre Chance auf diese Potenziale zu wahren, müssen sich Versicherer mittel- und langfristig mit neuen Service-basierten Monetarisierungs- und Geschäftsmodellen sowie der Schaffung passender rechtlicher und regulatorischer Voraussetzungen beschäftigen. Das gilt insbesondere dann, wenn sie sich in ausgewählten Lebenswelten langfristig als Orchestrator oder Plattformbetreiber positionieren wollen (…aber dazu mehr in meinem nächsten Blogbeitrag).

Die Versicherungswirtschaft befindet sich im Wandel. Risiken zu minimieren ist tief in der DNA der Industrie verankert. Die Chancen zu nutzen, ist jedoch das Gebot der Stunde.

Sollten Sie Fragen zu den hier dargelegten Themenbereichen, Interesse an unseren Studien und detaillierten Ausarbeitungen zu über 25 Lebenswelten in der DACH-Region haben oder aber ganz allgemein mit uns über neue Angebote und Services sprechen wollen, dann kontaktieren Sie uns bitte. Gerne stehen wir Ihnen für ein Gespräch zur Verfügung.