Insurance Blog | Accenture

Die Lebensversicherung galt über Jahrzehnte als der Deutschen liebstes Altersvorsorge-Instrument – und gilt seit bestimmt einem Jahrzehnt als Auslaufmodell der Versicherungsprodukte. Tatsächlich ist das anhaltende Niedrigzinsumfeld nicht nur eine enorme Herausforderung für die finanzielle Leistungskraft der Lebensversicherer, sondern verändert mittlerweile auch stark das Wertversprechen an ihre KundenDie Veränderungen im Marktumfeld und auf das Geschäftsmodell der klassischen Lebensversicherungen sind so stark, dass fraglich ist, ob diese Form der individuellen Altersvorsorge eigentlich noch attraktiv gestaltet werden kann.  

Der Kundenwille ist da – die Attraktivität fehlt 

Die Aussicht auf eine garantierte Mindestverzinsung (landläufig: Garantiezinssatz bzw. amtlich: Höchstzinssatzund die Garantie auf mindestens Rückzahlung der von den Kunden eingezahlten Prämien (Brutto-Beitragsgarantien) waren jahrzehntelang die „Unique Selling Propositions“ (USP) der klassischen LebensversicherungIm intensiven Produktwettbewerb mit anderen Varianten der individuellen Altersvorsorge (Immobilien, Bankkonten, Fonds u.a.) verhießen beide Versprechungen zusammen genommen dem Kunden eine zugleich sichere und renditeorientierte Geldanlage. Immerhin knapp 30% der erwachsenen Deutschen (das sind rund 16 Millionen Personen) geben heute an, Geld in Renten- oder Lebensversicherungen anzulegen (Statista Consumer Survey, September 2020). 2019 waren knapp 83 Millionen Lebensversicherungsverträge aller Art in den Büchern deutscher Lebensversicherer mit einem jährlichen Gesamtprämienvolumen von knapp 100 Mrd. Euro. 

Das Niedrigzinsumfeld untergräbt jedoch seit Jahren die Möglichkeiten der Lebensversicherer, ihren Zinsversprechungen nachzukommenSo lag die Verzinsung von risikofreien 10jährigen deutschen Staatsanleihen, dem „Gold“-Standard der sicherheitsorientierten Kapitalanlage, 2020 bei -0,57% (Staatsanleihen – Vergleich der Rendite ausgewählter Länder 2020 | Statista)de facto ein Negativzinsumfeld. Die laufende Verzinsung, die deutsche Lebensversicherer ihren Kunden im Neugeschäft mit klassischen Rentenpolicen noch gewähren können, liegt bei etwa 2,1%. Das ist im Vergleich zu 2010 eine Halbierung zu damals noch 4,2%. Entsprechend senken die Zuständigen seit Jahren das Niveau des zu erwirtschaftenden Garantiezinssatzes: von 4,0% vor der Jahrtausendwende auf heute 0,9% (Deutschland, Schweiz) bzw. sogar nur 0,5% (Österreich). Weitere Absenkungen auf 0,25 % oder sogar 0% sind in Diskussion (Quelle: Pressemitteilung Deutsche Aktuarvereinigung)Das heißt nichts anderes, als einen absehbareKomplettverlust eines der wesentlichsten USPs deklassischen Lebensversicherung. 

Die gleichzeitig sicherheits- wie renditeorientierte Kapitalanlage wird für die Lebensversicherer zur Quadratur des Kreises, zumal auch noch Vertrags-Altbestände mit hohen Garantiezins-Versprechungen aus besseren Tagen zu bedienen sindZusätzlich müssen Abschluss- und laufende Kosten der Vertragsverwaltung durch Zinsgewinne gedeckt werden. Erfahrungen zeigen, dass mit einem sicheren Zinsniveau von unter 1% eine Bruttobeitragsgarantie von 100%, bei der der Kunde in der Auszahlungsphase zumindest seine eingezahlten Prämien vollständig zurückgezahlt bekommt, vom Lebensversicherer nicht zu leisten ist. So empfiehlt auch konsequenterweise die Deutsche Aktuarvereinigung im Dezember 2020 die Bruttobeitragsgarantie komplett abzuschaffen (Quelle siehe Pressemitteilung Deutsche Aktuarvereinigung).  

Somit droht auch noch der Verlust des zweiten wesentlichen USPs und damit gesamtheitlich betrachtet die Attraktivität des klassischen Lebensversicherungsprodukts für die große risikoaverse Kundengruppe. Einer aktuellen Umfrage aus November 2020 zufolge wären rund 45% der Deutschen nach wie vor nicht bereit, bei einer Anlage mit hohen Zinsen und Erträgen auch ein höheres Risiko einzugehen. Inflationsszenarien, die im Anschluss an das langanhaltende Niedrigzinsumfeld die Kaufkraft der Altersvorsorge-Auszahlungen belasten könnten, streuen weitere Zweifel am Konzept der klassischen Lebensversicherung. 

Aus alt mach neu 

Lösungen suchen die Anbieter in einer Neujustierung ihrer früheren USPs durch eine neue Generation von Lebensversicherungsprodukten. Das reduzierte Versprechen einer Beitragsgarantie erlaubt esrisikoreicher und somit möglicherweise rentabler anlegen zu könnenDem risikoaversen Kunden steht es dabei offen, einem möglichen Totalverlust der eigenen Prämienbeiträge durch eine (wenn auch renditeminderndeBeitragsgarantie entgegenzuwirken. Hierfür steht dann das kapitalstarke Sicherungsvermögen des Lebensversicherers ein. In ca. 50% der Verkaufsgespräche allerdings wünscht sich der Kunde, laut einer Cash-Online Umfrage bei Vermittlern aus 2020, eine Bruttobeitragsgarantie von 100% (Cash-Online: Produkttrends in der Lebensversicherung) – auch bei Hybridprodukten. 

Marktführer Allianz beschreitet seit diesem Jahr den Weg der neuen Produktgeneration in voller KonsequenzAls erster deutscher Lebensversicherer hat die Allianz die 100% Bruttobeitragsgarantie abgeschafft und bietet nur noch sogenannte Hybridprodukte an, die eine 60%ige, 80%ige oder 90%ige Beitragsgarantie umfassenLaut einer Befragung des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) aus 2020 haben die Vermittler auf das veränderte Umfeld bereits reagiert: Knapp ein Drittel aller befragten Makler gab an, keine klassischen Produkte mehr zu vermitteln.  

Was wie die Wiedergeburt des gleichzeitig rendite- und sicherheitsorientierten Lebensversicherungsprodukts daher kommt, hat möglicherweise aber auch weitreichende Implikationen. Mit welchen gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen ist zu rechnen, wenn in Folge der Veränderungen das Neugeschäft für Lebensversicherungsprodukte mit Beitragsgarantie erheblich reduziert wird oder gänzlich wegfällt?  

Als wichtiges Element der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge leistet die deutsche Lebensversicherungswirtschaft nämlich viel und Vielfältiges: 2019 belief sich das gesamte Auszahlungsvolumen der Branche auf knapp über 140 Milliarden Euro und erreicht damit laut GDV 30,5% der Rentenausgaben der allgemeinen Rentenversicherung (GRV).  

Das Volumen ihrer aus langlaufenden Vertragsverpflichtungen gespeisten Kapitalanlagen macht die deutschen Lebensversicherer volkswirtschaftlich betrachtet auch zu einem systemkritischen InvestorGemäß GDV haben die deutschen Lebensversicherer im staatlichen und Unternehmens-Anleihenmarkt ein Kapitalanlage-Gesamtvolumen von rund 970 Mrd. Euro im Namen und Auftrag ihrer Versicherungskunden angelegt. Der Rückzug aus den Kapitalanlage-Notwendigkeiten des klassischen Lebensversicherungsgeschäfts und größeren Kapitalanlage-Möglichkeiten bei den neuen Produktgenerationen könnten Rolle und Bedeutung der Lebensversicherer bei der staatlichen Refinanzierung in Frage stellen 

Gleichzeitig wächst die Nachfrage für neue Vorsorgeprodukte: Kundenseitig steigen wegen des demographischen Wandels und veränderter Lebensstile und -planungen Bewusstsein, Interesse und Bedarf zum Beispiel an eher (lebens-)phasenorientierten Lebensversicherungsprodukten. Diese ermöglichen es zum Beispiel, die Prämienhöhe in bestimmten Lebensphasen zu senken oder den Renteneintrittszeitpunkt flexibel zu legen.  Ein umsetzbarer Vorteil, der aber auf Seiten der Versicherung wieder mit Zusatzaufwand und –kosten für Produktentwicklung und -verwaltung verbunden ist. Diese fallen umso schwerer ins Gewicht, als die gleichzeitig zunehmende Kostendokumentation und -transparenz im Wettbewerb der Anbieter dem zunehmend kostenbewussteren Kunden sichtbar wird. So vielversprechend die neuen flexiblen und renditeorientierten Produkte auch sein mögen: Für den Kunden wird durch die Angebotsvielfalt der Markt unübersichtlicher und professionelle Beratung erscheint daher umso notwendiger. 

Angesichts solcher Herausforderungen und Potentiale sehen sich die deutschen Lebensversicherer also vor eine Kernfrage gestellt: Wie können sie in Zukunft überhaupt noch ihren gesellschaftlichen Anspruch als Lösungsanbieter im Altersvorsorge-Markt angesichts einer sich stark wandelnden Kundennachfrage mit dem Ziel verbinden, als Unternehmen nachhaltiges und profitables Wachstum zu generieren? 

Ausgehend von dieser Problem- und Fragestellung sollen im Rahmen einer Reihe von Blogbeiträgen Ansätze und Möglichkeiten für Lebensversicherer erörtert und bewertet werden, die zum Beispiel durch Ansätze der Backoffice-Effizienzsteigerungen, Änderungen des Produktportfolios in Richtung Angebot eines „Lebensphasen“-LV-Portfolios, digital integrierter Steuerung von Produktentwicklung, -verwaltung, Marketing/Vertrieb und vieles mehr neue, zukunftsfähige Geschäftsmöglichkeiten und -modelle ermöglichen.