Accenture Insurance Blog

Kurzzeitversicherung, Insurance to Go, Walk away Insurance, Mikroversicherungen – lange Zeit haben die Versicherer dieses Thema als irrelevant eingestuft oder aufgrund der vermuteten geringen Prämien-Einnahmen schlicht ignoriert. Es könnte sein, dass die digitale Realität hier sehr bald zum Umdenken zwingt – und dass das für viele Versicherer sogar gut wäre.

Überall dort, wo Versicherer sich zurzeit Gedanken darüber machen, wie sie in der immer digitaler werdenden Zielgruppe wieder Relevanz erlangen können, stellt man schnell fest: Die klassischen großen Versicherungen sind es nicht – vielmehr machen kleinste Versicherungen und Dienstleistungen in neuen Lebenskontexten mehr Sinn.

  • Die Handyversicherung für ein paar Euro ist für viele Vertreter der Zielgruppe unter 25 ungleich persönlicher als eine Hausratversicherung.
  • Ein Versicherungsupgrade von 2 Euro verkauft sich beim Car Sharing leicht als Add On, während die KFZ-Sparte auf der anderen Seite durch eben jenes Car Sharing und sinkende Führerscheinquoten angegriffen wird.
  • Kunden, die den Sinn einer Risiko-Leben nicht verstehen, würden sehr wohl eine 5€ Risiko-Police für den nächsten Flug erwerben, wenn es am Gate stürmisch ist.

Kleine Policen werden relevanter

Versicherer müssen kleine Policen ernster nehmen, als sie das lange wollten, weil sie in ein Tailor-Made Leben passen, in das die Versicherer zurückkehren müssen. Doch jenseits der Überlegungen rund um die Verwaltung kleiner Beiträge tritt hier schnell ein weit größeres Problem zutage: Wer Versicherungen verkaufen möchte wie Kaugummi und Schokoriegel an der Kasse, der muss nicht nur hier und da eine Kleinigkeit ändern. Vielmehr sind die meisten Versicherer in ihrer derzeitigen Aufstellung oft fundamental ungeeignet zum Verkauf solcher spontanen Kurzzeit-Produkte.

  • Große Legacy Systeme sind – vor allem im Bereich Leben – für andere Anlässe konzipiert und entsprechend sperrig.
  • Oft übersteigen bereits die Verwaltungskosten pro Police die möglichen Verkaufspreise von Kleinst-Deckungen.
  • Versicherer haben mit ihren bestehenden Vertrieben und Provisionsmodellen keinen Zugang zu modernen Plattformen.
  • Mit den notwendigen Vertriebsmodellen sind die Versicherer oft ebenso wenig vertraut wie mit der notwendigen Kalkulations- und Underwriting Logik, die eher aus dem FMCG-Bereich abgeleitet werden muss.
  • Und Hand aufs Herz: Wirklich einfache Produkte, die ein Konsument in wenigen Sekunden am POS erfassen kann, sind nicht gerade die DNS der Versicherer.

Bei Mikroversicherungen sind industriefremde Mitbewerber schneller

Man fühlt sich historisch erinnert an die US-Automobilhersteller in den 70er Jahren, die plötzlich handliche Kleinwagen mit vertretbarem Spritkonsum herstellen sollten, aber bis dahin reflexartig jede Fahrzeug-Konstruktion mit einem V8 begonnen haben. So, wie die US-Autobauer damals von den kleinen und wendigen Japanern angegriffen wurden, werden die Versicherer in diesem Segment stark von Mitbewerbern bedrängt werden, die man bislang nicht auf dem Radar hatte:

  • Plattformbetreiber wie UBER, AIRBNB, Sharing-Economy-Plattformen jeder Art werden den Zugang zum Kunden steuern und den Versicherer verstärkt in die Rolle des Produktgebers drängen.
  • Anbieter wie APPSICHERN haben sich mit klugen Produkten wie „Probefahrtschutz“ bereits in den Köpfen als Anlaufstelle für Produkte dieser Art verankert.

Versicherer müssen gegensteuern. Probefahrtschutz ist eines der besten Beispiele:  jeder KFZ-Versicherer könnte dieses Produkt längst verkaufen – ob eigenständig oder als Baustein einer Folge-Police. Schließlich ist die Probefahrt doch einer der bestmöglichen Anlässe, um sich im Kopf des Kunden zu verankern und Neugeschäft in die vorhandenen Kanäle zu steuern – gerade in Zeiten, in denen die Autohersteller das Geschäft mit den profitablen Neuwagen an sich binden. Und eine 5€-Entscheidung ist für die Kunden zunächst leicht zu treffen und einsichtig.

Die Erfolgsfaktoren für diese Art der Kleinstdeckungen sind eher die der Konsumgüter.

Radikal einfach: Schlanke Deckung, einfache Bedingungen, Transparenz – hier muss alles auf die Probe gestellt werden – das Zielvertriebsmedium hat 5 Zoll, der Kauf erfolgt spontan

Geringste Vertriebs- und Verwaltungskosten: Hier muss alles auf den Prüfstand – 5€-Policen vertragen keine Provisionen, keine Vergleichsportale und keine teure Werbung.

Schlanke, automatisierte Schadenregulierung: Hier treffen Maschinen die Entscheidung – der Mensch muss die Ausnahme sein, sonst ist jede Profitabilität in Frage gestellt.

Verbindung traditioneller Vertrieb: Gelingt es, eine Verbindung vom Kurzzeitprodukt zum traditionellen Vertrieb herzustellen, ändert das einerseits die Kalkulation des Value Cases. Das Kurzzeitprodukt wird dann zum Adresslieferanten, was ein anderes Pricing erlaubt. Andererseits können hier signifikante Cross-Selling und Langfrist-Komponenten greifen, die der Versicherer den Startups voraushat.

Profitabilität: Funktioniert hier eher wie bei FMCG – die Kalkulationsgrundlagen ändern sich, eine 24H Police kostet stets mehr als das 365stel der Jahresprämie. Erheblich mehr. Wie im Einzelhandel entscheidet hier nicht die einzelne Prämie, sondernd er Multiplikator.

Kurzzeitversicherungen zwingen zu neuem Denken und dazu, Gelerntes zu hinterfragen und mit einer MVP-Denke an Dinge heranzugehen. Viele notwendige Qualifikationen haben Versicherer heute nicht – aber sie benötigen sie längst. Hier muss mit digitalen Mitteln virtuos gespielt werden, hier bedarf es der Optimierung an jedem kleinen Stellrädchen – das macht die Kurzzeitversicherungen zur Königsdisziplin. In anderen Worten: Kurzzeitprodukte zwingen zu einem bislang für viele Versicherer unbekannten industrialisierungs-Grad – und dessen Vorteile braucht es im Alltagsgeschäft ohnehin.

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